Nr. 116: Demografische Unterschiede bringen Probleme in den Euro-Staaten.
Der Euro ist wieder ins Gerede gekommen. Hat die gemeinsame Währung eine Zukunft oder sollte wieder jedes Land seine eigene Währung bekommen? Eine bisher kaum beachtete Ursache für die Spannungen im gemeinsamen Währungssystem liegt in der unterschiedlichen Altersstruktur in den einzelnen Euro-Staaten. Der folgende Text soll den Zusammenhang zwischen der Demografie und den Anforderungen an die Geldpolitik einer Notenbank deutlich machen.Die Altersstruktur eines Landes hat große Auswirkungen auf den Kapitalbedarf einer Volkswirtschaft. Dies wird deutlich, wenn man sich überlegt, in welchem Lebensalter eine Einzelperson Investitionen vornimmt.
Die meisten, die in ihrem Leben Wohneigentum erwerben, tun dies bevor sie 40 Jahre alt sind oder kurz danach. Auch die Investition in eine Selbständigkeit erfolgt überwiegend in jüngeren Jahren:

Wenn man die Ausgaben für Kinder und Jugendliche als Investition in das künftige Humankapital betrachten würde, wäre diese Investition wohl in vergangenen Generationen der größte Brocken aller Investitionen gewesen. Diese Investition fällt überwiegend an, wenn die Eltern zwischen 25 und 55 Jahren alt sind.
Mit dem Rückgang der Kinderzahlen (in Deutschland begann dieser Prozess ca. 1870) wurde also Kapital frei, das man für andere Investitionen verwenden und konsumieren konnte. Der Rückgang der Kinderzahlen (Geburtenraten) war also der Haupttreiber des Wohlstandswachstums in den letzten 140 Jahren.
Anfang der 1960er Jahre stiegen die Geburtenraten in Deutschland noch einmal kräftig an. Ab 1966 kam es dann zu einem bis heute anhaltenden starken Rückgang der Geburtenraten. Wir nennen das eine demografische Welle, die das Leben einer Volkswirtschaft maßgeblich beeinflusst (siehe: http://guliver.de/finanztipp/DemWelle.pdf?ID=11836).
Die sogenannte Babyboomer-Generation musste zuerst einmal von Eltern und Staat ernährt und ausgebildet werden. Dazu waren erhebliche Anstrengungen notwendig. Kapital und Güter waren knapp. Die Wirtschaft wuchs relativ stark trotz steigender Inflation. In dieser Phase musste die Deutsche Bundesbank der Wirtschaft für ihr Wachstum genügend Geld zur Verfügung stellen. Dieses Geld wurde aber zu hohen Zinsen an die Banken ausgegeben, um die Inflation nicht noch weiter anzuheizen und um Fehlinvestitionen zu verhindern.
Anfang der 1980er Jahre gingen die deutschen Babyboomer mehrheitlich ins Erwerbsleben über. Sie sorgten für ein weiter hohes Wirtschaftswachstum. Die von dieser Bevölkerungsmehrheit veranlassten Investitionen und auch der Konsum wurde aber von den Babyboomern zunehmend selbst aufgebracht. Der Nachfrageüberschuss nach Investitionsgütern, Konsumartikeln und nach Kapital (Geld) ging zurück. Die wieder rückläufige Inflation ermöglichte es der Deutschen Bundesbank ihre Zinsen zu senken.
Zur Halbzeit ihres Erwerbslebens (ab Anfang 40) investieren Menschen weniger in neue Eigenheime und in Unternehmen. Frühere Generationen mussten dann noch relativ viele Kinder ausbilden, was sich nun geändert hat. In Deutschland ist die zahlenmäßig stärkste Altersgruppe seit 2005 über 40 Jahre alt. Wenig Investitionsnachfrage trotz starker Sparneigung für den Ruhestand sorgen nun für einen Überschuss an Geld und Gütern. Aus einem Nachfrageüberschuss während der Zeit der Ausbildung der Babyboomer wurde allmählich ein Angebotsüberschuss. Die Wirtschaft wächst kaum noch oder schrumpft sogar. Die Inflation kehrt sich in Deflation. Die Zinsen fallen Richtung 0%. Die Deutsche Bundesbank müsste nun den Zins sehr niedrig halten (evtl. sogar negativ), um nicht noch zusätzliche Sparanreize zu schaffen und es dem Staat leichter zu machen, durch Aufnahme der überschüssigen Gelder (Verschuldung) das Überangebot an Gütern abzubauen (Investitionen, Konsumprämien, Subventionen…). Anmerkung: Der Staat könnte natürlich auch eine hohe Vermögenssteuer auf Zinsanlagen erheben und damit durch diese Einnahmen seine eigne Verschuldung geringer halten und gleichzeitig Anreize für mehr Konsum und Investitionen setzen.
Die vierte Phase einer demografischen Welle beginnt, wenn die Babyboomer im Ruhestand mit dem Entsparen beginnen. Soweit ist es aber in Deutschland noch lange nicht.
Eine Notenbank, wie die Deutsche Bundesbank es einmal war, hat also die Aufgabe, die Wirtschaft je nach Bedarf mit mehr oder weniger Geld zu niedrigeren oder höheren Zinsen zu versorgen. Wenn die Altersstruktur einer Volkswirtschaft einen sehr hohen Einfluss auf den Geldbedarf einer Volkswirtschaft hat, sollten also bei einer Währungsunion alle beteiligten Länder eine ähnliche demografische Struktur aufweisen.
War das bei der Einführung des Euro der Fall?
Die Grafik zeigt deutlich, dass der Alterungsprozess in Deutschland von den großen Euro-Teilnehmern am weitesten fortgeschritten ist. Kurz danach folgt Italien, dann fast gleichauf aber nicht so extrem Frankreich. In Spanien (ähnlich sieht es in Portugal und Griechenland aus) sind die Babyboomer noch unter 40. Am jüngsten sind die Babyboomer in Irland. Der Altersunterschied der Babyboomer in Deutschland und Irland liegt bei fast 15 Jahren.
Die Europäische Zentralbank (EZB) konnte und kann also gar keine für alle Euro-Staaten vernünftige Währungspolitik betreiben. Besonders für die jungen Länder Spanien und Irland waren die Zinsen viel zu niedrig, was eine Fehlleitung des Kapitals (spekulative Blasen) und Inflation begünstigte. Für Deutschland hätten die Zinsen dagegen schon viel früher gesenkt werden müssen. Da die unterschiedlichen demografischen Verhältnisse in den einzelnen Euro-Staaten eine sinnvolle Notenbankpolitik fast unmöglich machen, hätten Spanien, Portugal, Griechenland und in erster Linie Irland allein aus diesem Grund nicht den Euro einführen dürfen. Auch für die neuen EU-Mitgliedsländer im Osten Europas wäre die Einführung des Euro wohl eher Fluch als Segen.
Die Probleme Griechenlands haben wahrscheinlich kaum etwas mit Demografie zu tun. Hier wurde einfach unehrlich und falsch gewirtschaftet. Die zu niedrigen Zinsen im Euroraum haben aber zu einem zu hohen Ausgabenanteil beigetragen. Eine eigene Notenbank würde wohl helfen, die richtigen Schritte zur Bereinigung zu unternehmen. Der Einbruch der griechischen Währung würde wahrscheinlich einen Inflationsschub verursachen, der zur Reduzierung der realen Staatsschuld beitragen würde. Die deutlich höhere Last aus den noch wesentlich höheren Zinsen könnten aber schneller steigen als die Inflation und so einen Staatsbankrott beschleunigen. Ein Ausstieg aus dem Euro-System würde also Griechenland in der jetzigen Situation nicht wirklich helfen.
Ob die Vorteile einer gemeinsamen Währung deren Nachteile übertreffen? Jeder Staat muss das für sich entscheiden. Der Weg zurück zu einzelnen Landeswährungen birgt aber vor allem für die kleineren und die höher verschuldeten Staaten mehr Risiken als Chancen.






Mit meinen Brüdern Marcel und Stephan bin ich Gesellschafter und Geschäftsführer von Guliver.